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Aktuelle Texte und Dokumente:

Der Vorstand des Fördervereins der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen e.V. für den Förderverein / November 2018

 

Zur Zukunft der Erinnerung – Sachsenhausener Erklärung

 

Wir, die Mitglieder des Fördervereins der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen e.V., sind beunruhigt. Wir sind Nachkommen von Häftlingen, die überlebt haben oder ermordet wurden, von Tätern, Mitläufern und anderen Zeitgenossen des Nationalsozialismus. Wir kommen aus allen Teilen der Gesellschaft. Wir leben in Oranienburg, Berlin oder an anderen Orten.

Uns eint die Sorge

 vor einer Zeit des Gedenkens, in der keiner der Zeitzeugen mehr lebt, die mit ihrer Präsenz und ihren eindrücklichen Berichten über ihr Erleben und ihr Leiden eine Brücke zur Vergangenheit bauen. Die wirkliche Bewährungsprobe für die deutsche Erinnerungskultur kommt jetzt;

 vor unverantwortlichen Äußerungen und Taten, mit denen die unvorstellbaren Verbrechen der NS-Zeit relativiert werden;

 vor Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus und Fremdenfeindlichkeit, die wieder zunehmen.

Wir plädieren dafür, unserer Verantwortung vor der Geschichte gerecht zu werden und diesen Tendenzen entschieden entgegenzutreten. Das bedeutet insbesondere:

 Wir leisten einen Beitrag dazu, die Erinnerungskultur lebendig zu halten, auch indem wir junge Menschen ansprechen und ihr Engagement fördern.

 Wir setzen uns für den Erhalt der Relikte und historischen Spuren des Lagers Sachsenhausen und seiner Kommandos ein.

 Wir bleiben nicht schweigend und tatenlos, wenn das gefährliche Spiel der geistigen Brandstiftung fortgesetzt wird.

Die Gedenkstätte Sachsenhausen ist

 ein Ort der authentischen Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus, dessen verbrecherischer Politik des Völker- und Massenmords in Sachsenhausen zehntausende von Menschen aus mehr als 40 Ländern zum Opfer fielen. Sie ist auch ein Ort des Erinnerns an das sowjetische Speziallager Nr. 7/Nr. 1, in dem in der Zeit von 1945 bis 1950 Menschen aus verschiedenen Gründen – nicht nur NS-Täter und NS-Belastete – inhaftiert waren, litten und starben;

 ein zeithistorisches Museum mit besonderen bildungspolitischen Aufgaben, das eine Verbindung zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart herstellt;

1 ein Ort der Forschung, an dem wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen werden;

 ein Ort, an dem Zentausende von Menschen umgebracht wurden. Die Gedenkstätte ist ihr Friedhof.

Wir fordern, allen Versuchen entgegenzutreten, die Verbrechen der NS-Zeit zu relativieren, zu verharmlosen oder zu verdrängen. Wir fordern, Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus und jede Form von Fremdenfeindlichkeit zu bekämpfen. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus bleibt ein unverzichtbarer Bestandteil der Demokratie in Deutschland und Europa.


Das Sachsenhausen-Komitee in der Bundesrepublik Deutschland trauert um sein Vorstandsmitglied und seinen Freund Jonny Valentin.

Jonny Valentin verstarb am 12.Januar 2019 im Alter von 94 Jahren in Magdeburg. Er gehörte zu den letzten deutschen Zeitzeugen, die noch über ihre Zeit im Konzentrationslager Sachsenhausen berichten können.

Jonny Valentin wurde am 11.6.2024 in Hamburg geboren. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs emigrierte er gemeinsam mit seinen Eltern nach Norwegen. Am 9. April 1940 begann im Rahmen des „Unternehmen Weserübung“ die Besetzung Norwegen. Jonny Valentin musste – damals 16-jährig – als Dolmetscher für die Deutschen arbeiten. Gleichzeitig beteiligte er sich an der illegalen Arbeit des norwegischen Widerstandes. Er unterstütze die Herstellung und Verteilung von Flugblättern. In den Flugblättern wurden die deutschen Soldaten zum Aufgeben aufgefordert. Nach seiner Entdeckung wurde er als politischer Häftling in das Polizeihäftlingslager und spätere Konzentrationslager Grini eingeliefert. Aus diesem südwestlich von Oslo gelegenen Lager wurde er 1942 in das Konzentrationslager Sachsenhausen überführt. Nach seiner Ankunft in Sachsenhausen musste er im Schuhprüferkommando und später im Kellnerkommando arbeiten. Im Kellnerkommando beteiligte er sich an Solidaritätsaktionen. So schmuggelte er eine am Bein mittels Verband befestigte Wurst ins Krankenrevier.  

Bis vor einigen Jahren war er als Zeitzeuge eng mit Schülerinnen und Schülern – insbesondere aus Sachsen-Anhalt und Norwegen – verbunden. In Magdeburg lebend, führte er bis ins hohe Alter als Zeitzeuge durch die Gedenkstätte Sachsenhausen. Neben seiner Zeitzeugenarbeit leitete er über viele Jahre als Betroffener die Selbsthilfegruppe Colitis Ulcerosa/Morbus Crohn und organisierte für die Mitglieder der Gruppe ein vielfältiges Angebot von Fach- und Freizeitaktivitäten.

Jonny Valentin war viele Jahre im Vorstand des Sachsenhausen-Komitees in der Bundesrepublik Deutschland e.V. aktiv.  Wir verlieren mit Jonny Valentin einen sehr guten, treuen und geschätzten Freund und einen langjährigen Mitstreiter. Er und sein reichhaltiger Erfahrungsschatz, seine freundliche, zugewandte Art werden uns fehlen. Wir werden Jonny  immer in würdiger Erinnerung behalten.  

Unsere Gedanken sind in diesen schweren Stunden bei seiner Familie  – insbesondere bei seiner Frau Helga, die Jonny immer wieder nach Sachsenhausen begleitet hat.

Im Namen der Mitglieder des Sachsenhausen-Komitees in der Bundesrepublik Deutschland e.V.

Andreas Meyer

Vorsitzender Sachsenhausen-Komitee in der Bundesrepublik Deutschland e.V.

Gedenkstätten zur Erinnerung an die NS-Verbrechen in Deutschland rufen auf zur Verteidigung der Demokratie.

 

Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer nationalsozialistischer Gewalt nehmen als Orte der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit einer verbrecherischen Vergangenheit eine wichtige Bildungsaufgabe für die Gegenwart wahr. Ihre Arbeit folgt der aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus gewonnenen Verpflichtung unserer Verfassung: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ (Art.1 GG).

 

Lernen aus der Geschichte der NS-Verbrechen heißt auch Warnzeichen rechtzeitig zu erkennen, wenn eine nachhaltige Schwächung unserer offenen Gesellschaft droht. Wir wissen aus der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, dass Demokratien mit Standards wie dem Grundgesetz, den europäisch und international verankerten Menschenrechten, Minderheitenschutz, Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung mühsam erkämpft wurden und fortdauernd geschützt und ausgestaltet werden müssen.

 

Immer offener etablieren sich in der Gesellschaft Haltungen, Meinungen und Sprechgewohnheiten, die eine Abkehr von den grundlegenden Lehren aus der NS-Vergangenheit befürchten lassen. Wir stellen mit Sorge fest:

- ein Erstarken rechtspopulistischer und autoritär-nationalistischer Bewegungen und Parteien, - eine verbreitete Abwehr gegenüber Menschen in Not sowie die Infragestellung und Aufweichung des Rechts auf Asyl,

- Angriffe auf Grund- und Menschenrechte,

- die Zunahme von Rassismus, Antisemitismus und anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit,

- eine damit einhergehende Abwertung von Demokratie und Vielfalt.

 

Hinzu kommt ein öffentlich artikulierter Geschichtsrevisionismus, der die Bedeutung des Erinnerns an die Verbrechen des Nationalsozialismus als grundlegende Orientierung der deutschen Gesellschaft in der Gegenwart angreift und durch ein nationalistisches Selbstbild ersetzen möchte.

 

Diesen aktuellen Entwicklungen treten wir mit unserer täglichen Arbeit in der historisch-politischen Bildung entgegen. Aber sie erfordern darüber hinaus politisches und bürgerschaftliches Handeln. Wir appellieren daher an die Akteure in Politik und Gesellschaft, das Wissen um die historischen Erfahrungen mit ausgrenzenden Gesellschaften wie dem Nationalsozialismus für die Gegenwart zu bewahren und sich für die Verteidigung der universellen Grund- und Menschenrechte einzusetzen.

 

Verabschiedet von der 7. Bundesweiten Gedenkstättenkonferenz am 13.12.2018